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BIOGRAPHIE VON JOSEF JUNGWIRTH

VOM MAURERLEHRLING ZUM AKADEMIEREKTOR

1869: In Ägypten wird der Suezkanal eröffnet. In den USA baut man eine Ost-West-Eisenbahnverbindung und nimmt die Zelluloidproduktion auf. In Paris arbeitet die erste Margarinefabrik. In Deutschland gründen August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Im Vatikan beginnt das 20. Allgemeine Konzil.
Ö sterreich greift als erstes Land der Welt die Idee von Dr. Emanuel Hermann auf, Korrespondenzkarten anstelle von Briefen und Telegrammen zu verwenden. In Wien ist die Ringstraßenzone eine riesige Baustelle, wo imperiale Repräsentationsbauten entstehen. Oper und Musikverein werden soeben vollendet. Die Basteien sind gefallen, 34 Vorstädte rund um die Stadt seit 1860/61 eingemeindet.

Lichtental, jetzt ein Teil des 9. Wiener Gemeindebezirkes Alsergrund, ist eine dieser Vorstädte. Hier wird am 19. Februar 1869 im Haus „Zur goldenen Sonne" Josef Jungwirth geboren. Sein Vater hat als Maurer zeitweise viel zu tun. Wenn er im Winter seine Profession nicht ausüben kann, geht er Schnee schaufeln. Später arbeitet er als Hausbesorger und Zimmermaler, übernimmt Ausbesserungsarbeiten an Herden, Öfen und Häusern, wobei ihm ein Baumeister gegen Entgelt Gerüst und Befugnis überläßt. Die Mutter trägt durch Heimarbeit zum Haushaltsbudget bei. Sie näht Glacehandschuhe. In der Zimmer-Küche-Wohnung leben neben den Eltern drei Kinder und der Großvater - eine typische Familiensituation im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

1885 kommt Josef Jungwirth in die Schule. Karl Seitz und Josef Kollmann sind seine Klassenkameraden. In einer Festschrift zu Kollmanns 80. Geburtstag erinnert sich Seitz in einem Beitrag „Drei Lichtentaler Buben": „ . . . ich traf ihn erst nach Jahren wieder im Parlament. Es war ein seltsames Zusammentreffen. Der einstige Kaufmannslehrling war Abgeordneter geworden und später Finanzminister (Anm.: Kollmann), der Schneiderlehrling Staatspräsident in der Republik Osterreich (Anm.: Seitz) . . . Unser Mitschüler Josef Jungwirth wurde der berühmte Maler und Professor an der Akademie der bildenden Künste, einmal auch ihr Rektor, und der gute Lehrer Beer hätte seine Freude an seinen einstigen Schülern gehabt."

Nach acht Klassen Volksschule soll Josef Jungwirth Maurer werden wie sein Vater, der - noch immer im Bauboom der Ringstsraßenära - gute Berufschancen für seinen Sohn erwartet und ihn von klein auf anlernt. Es war nicht leicht, den Vater zu bewegen. ihn erst das Handwerk des Porzellanmalers erlernen und später die Akademie besuchen zu lassen, erinnert sich Jungwirth 1929 in der „Neuen Freien Presse": ..Immer stärker wurde mein Drang zum Kunstmalen, bis ich meinem Vater, der ein einfacher, kleinbürgerlicher Mann war, von dem Plan Mitteilung machte, die Akademie besuchen und mich weiter ausbilden zu wollen. Das konnte er absolut nicht begreifen. Das Vorhaben, ein gutes und einträgliches Handwerk beiseite zu schieben und einen unsicheren Weg zu gehen, buchte er auf das Konto jugendlichen Leichtsinns. Er ließ alle Überredungskünste spielen und hörte erst damit auf, als ich Mitteilung machte, daß ich an der Akademie aufgenommen wurde und sogar ein Stipendium erwarten dürfte . . . Auch später konnte er sich nicht so recht mit der Tatsache abfinden und befand sich sozusagen im Zustand der stillen Resignation."

1888 -1898 besucht Josef Jungwirth die Akademie der bildenden Künste in Wien. Er beginnt in der allgemeinen Malerschule bei Sigmund L' Allemand, studiert dann bei August Eisenmencer und Kasimir Pochwalski. Sein großes Vorbild ist Hans Makart, der Maler, der namensgebend für die Epoche werden sollte.

Die Gunst der Zeit kommt Jungwirth entgegen. Wie entwickelt sich zur Metropole. Noch herrscht der ungebrochene Optimismus der Gründerzeit. Die Kunst hat einen hohen Stellenwert in einer Weltstadt, die mit einer ganzen Avenue von Prachtbauten repräsentiert. Er pflegt gesellschaftliche Kontakte, nutzt klug die Verbindungen, die sich daraus ergeben. So wird er schon früh in Adelskreisen bekannt.
Die Aufträge für Franz Ferdinand d'Este beginnen mit kleinen Arbeiten im Jagdschloß Lölling in Kärnten und enden erst durch die Ermordung des Thronfolgers.

Franz Ferdinand, schwer lungenkrank, kämpft mit verbissener Energie um seine Gesundheit. Weil er sich vom südlichen Klima Heilung verspricht, unternimmt er weite Reisen. Josef Jungwirth wird sein malender Reisebegleiter.

Nach der Dalmatienreise mit dem Thronfolger heiratet Jungwirth den Schwarm seiner Jugend, Anna Mayer, und bleibt ihr treu, bis der Tod sie scheidet. Sie haben vier Kinder, von denen eines noch als Baby stirbt.

1897 verbringt die junge Familie zum erstenmal einen Sommer in Dimling bei Waidhofen an der Thaya. In der Sommerfrische entstehen alljährlich viele Bilder, eines der ersten, „Junges Volk", wird 1901 von Kaiser Franz Joseph angekauft.

1901 wird Josef Jungwirth ordentliches Mitglied der Genossenschaft bildender Künstler (Künstlerhaus). Doch sieht er klarer, daß er im Makart-Wien seine künstlerische Entfaltung nicht finden kann. So gründet (und finanziert) er 1902 in Berg bei Böheimkirchen, Niederösterreich, eine Künstlerkolonie. Mit von der Partie sind seine Freunde Franz Schuster und Adolf Zdrazila. Nach dem Tod Schusters kommt der Karikaturist Fritz Schönpfiug mit seiner Frau nach Berg. Im folgenden Jahr übersiedelt die Kolonie ins nahe Kirchsteig und erhält durch Anton Hans Karlinsky und Gottlieb von Kempf Zuzug.

Der Schuleintritt der Kinder setzt dem Aussteigerleben auf dem Lande ein Ende. 1905 übersiedelt die Familie nach Wien-Ottakring. 1909 bis 1911 verbringt sie die Sommerfrische in Oberreith bei Raabs, 1914 in der Sixmüh!e bei Waidhofen, 1918 wieder in Dimling.

Josef Jungwirths größtes Werk, „Eine Sitzung des Niederösterreichischen Landtages im Jahre 1908" mit mehr als 80 lebensgroßen Portraits, bringt ihm die große goldene Staatsmedaille. Und in der Folge, womit er nicht rechnet, die Ernennung zum ordentlichen Professor an der Akademie der bildenden Künste. Für die Jahre 1928 bis 1930 wird er zum Rektor gewählt, 1930/31 fungiert er als Prorektor. Am 27. März 1934 knapp nach seinem 65. Geburtstag, wird er in den Ruhestand versetzt.

Der Pensionist findet sich mit seiner Familie wieder in Dimling ein (Sommer und Herbst 1942, Herbst 1943). Die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges verlebt der Umsiedler beim Kaufmann Rudolf Sommerer in Waidhofen und bleibt hier bis zum Frühjahr 1946. Dann übersiedelt Josef Jungwirth zu seinen Kindern, die nach Schweden geheiratet haben. 1950 stirbt er in der Nähe von Stockholm.